Reisebericht Helke Fussell - Teil 3

Der Marabout und der evangelische Pfarrer

Es hat mich beeindruckt, wie friedlich und respektvoll der Islam und das Christentum im Senegal neben- und miteinander leben. 
Am ersten Sonntag meines Aufenthaltes bin ich auf Anraten von Babakars streng muslimischen Freunden in die evangelische Kirche gegangen. 


 

Der Pfarrer sprach bestes Französisch und war auch gleichzeitig der Schuldirektor der evangelischen Schule. Ein sehr sympathischer Mann mit einer wundervollen Singstimme. Die Lieder auf Wolof waren melodiös und einprägsam.

Er erklärte mir im Anschluss, dass die meisten Schüler seiner Schule muslimischen Glaubens sind. Vor der Schule werden zwar christliche Gebete angeboten, doch in der Schulzeit wird die Religion nicht thematisiert. 


Es gibt aber auch franco-arabische Schulen im Senegal, die den fundamentalistischen Islam verbreiten möchten. Einige wurden bereits geschlossen, oft herrscht ihnen gegenüber Skepsis. 



Auch den Marabout von Babakar und seinem Freund Abdul Aziz durfte ich kennenlernen. Marabouts sind spirituelle Seelsorger und Ratgebende, ihre Worte sind von hoher Wichtigkeit für die Einheimischen. Der Marabout, ein charmanter Herr, stellte sich bereitwillig unseren Fragen.
Ich bin gleich ins Fettnäpfchen getappt, indem ich die Abfallproblematik direkt angesprochen habe.

Sowas macht man im Senegal nicht, das ist eigentlich sehr indiskret. „Ihr Europäer wollte immer unsere Probleme lösen, die wir gar nicht haben“, lenkte der Marabout ab und hatte damit recht. Für viele Themen schienen die Senegalesen gar kein Problembewusstsein zu haben.

 


Caspar Schwietering, der Journalist der FAZ, stellte die interessante Frage, wie der Rat lauten würde, wenn die Menschen fragen, ob sie nach Europa aufbrechen sollten.

Die Antwort des Marabouts war direkt: „Ja, natürlich, hier im Senegal gibt es ja keine Perspektiven“. Über diese Antwort des Ratgebenden war ich fassungslos.


Doch die anschließende Gebetszeremonie, der wir beiwohnen durften, berührte mich. Das Ritual, die Hingabe, der Gesang, diese Gebete schienen den Menschen vor Ort viel Halt zu geben.